Ich mag Frank Schirrmacher nicht sonderlich gut leiden. Sein kürzlich erschienener Artikel spricht mal wieder Bände:
Das ist so brachial-kulturkonservativ. Außerdem klingt es nicht gut, wenn gleich zwei Totschlagformulierungen (“jedermann spürt”: präskriptiv; “unleugbar”) in Bezug auf soziale Phänomene in einem Satz auftauchen. Die Intention des FAZ-Feuilleton-Specials an sich ist ja nicht ganz verkehrt – “Trimm dein Hirn” – aber auch nicht gerade neu, und schlägt in dieselbe Kerbe wie z.B. die großen Unterhaltungselektronik-Unternehmen. Der Erkenntnisgewinn durch den Artikel jedenfalls hält sich in Grenzen, ebenso wie bei diesem über frühes Musiktraining. Ein anthropologisch-philosophisches Interesse scheinen die Herrschaften des Feuilletons jedenfalls nicht zu haben, eher eines der gedachten Leistungssteigerung. Aber:
Aber genau da liegt doch das Problem! Wer hat denn die Deutungshoheit über die Definition des “Kranken”? Das alte Problem vom Gegensatz von “normal” und “abnormal/krank/pervers/böse/…”. Ist der Depressive nun krank? Oder ist die Aufhellung seiner Stimmung (nur)eine “Leistungssteigerung” (was sie de facto definitiv Fall ist)? In 30 Jahren gelte ich vielleicht als (psychisch) krank, wenn ich nicht bereit bin, mir als Arbeitnehmer eine 75 Stunden-Woche aufhalsen zu lassen. Wenn ich dann medikamentös oder durch Neuroimplantate wieder “fit” (im eigentlichen Wortsinne, also passend!) gemacht werde, ist das ein Fall der “Behandlung von Krankheiten”. Heute zählt das als Doping.
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