“Der Verlust der Eindeutigkeit” – Rezension

Der Verlust der Eindeutigkeit (Gebundene Ausgabe)
von Susanne Fuchs (Autor)
Preis: EUR 29,50
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten, Verlag: Klett-Cotta; Auflage: 1 (2007), ISBN-10: 3608944559, ISBN-13: 978-3608944556

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Es kostet durchaus etwas Überwindung, sich in “Der Verlust der Eindeutigkeit” mit seiner teils künstlich aufgebauschten “wissenschaftlichen” Sprache einzulesen. Ist man einmal drin, stellt man sich rasch die Frage, was denn nun eigentlich die Intention der Autorin ist; und warum sie zwar die Moderne analysiert, dabei aber a) fast ausschließlich Klassiker der Soziologie (Simmel, Luhmann) zitiert und analysiert und b) einen mehr als traditionellen (um nicht zu sagen: veralteten) Sprachstil pflegt.

Sie beginnt mit einer – später immer wieder metaphorisch aufgegriffenen – Anekdote aus Amerika, die anscheinend einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen hat: Dass ihr die Auswahl der Komponenten eines pancake (zu deutsch: Pfannkuchen) sehr schwerfiel. Um den Gründen für die Entscheidungsschwäche (in) der Moderne und die (angeblichen) Folgen – Orientierungslosigkeit, Zusammenbruch der klassischen Institutionen wie Familie und Beruf etc. – auf die Schliche zu kommen, hangelt sich Fuchs über 200 Seiten an den drei Apriori von Simmel entlang, als da wären: 1) Die Sicht des Individuums auf andere Individuen nicht als solche, sondern als Träger und Repräsentant von Rollen; 2) Die Existenz eines nicht vergesellschafteten und nicht vergesellschaftbaren Persönlichkeitsteils; 3) Die Existenz von Berufen im Sinne von Berufungen, also Stellen in der Gesellschaft, die auf ein Individuum passen und dieses gleichsam formen (was wiederum die Breite der Vergesellschaftung einschränkt). Kurz gesagt will Susanne Fuchs das Scheitern des ersten und dritten Apriori in der Moderne nachweisen, und aus eher trivialen Gründen gelingt ihr das auch. (Ob wir dieses Buches bedürfen, um das zu erkennen, ist natürlich eine ganz andere Frage; ebenso, ob ein einhundert Jahre altes soziologisch-psychologisches Modell nicht sinnvoller durch eine physiologische Basis, z.B. aus der Neurobiologie, ergänzt oder ersetzt worden wäre.) Dass dabei Umwege über Sozialisationsprozesse, die Disfunktion der Familie und damit der Reproduktionszellen von Gesellschaft und die “Kollektivpsychose Narzißmus” gewählt wird, überrascht ob der Fülle etwas.

Im Gegensatz zu dem, was der Klappentext behauptet, ist das Buch nämlich keineswegs “pointiert”, sondern das genaue Gegenteil: Man kann sich des Eindrucks unnötiger Länge nicht erwehren, und die Exkurse in Naturwissenschaft, Mathematik und Logik weisen im Grunde nichts nach und helfen nicht, zu verstehen. Letztlich muss man einsehen, dass die Autorin selbst nicht mehr macht, als sie modernen Autoren vorwirft: Nicht mehr thetisch (präskriptiv-formend), sondern mimetisch (deskriptiv-abbildend) vorzugehen. Fuchs “Eigenleistung”, das vierte Apriori, enttäuscht massiv durch seine Trivialität (wie mehrere andere Abschnitte des Buches auch): Man solle in “indviduellem Dezisionismus” wählen, “Gesellschaft zu verwirklichen”, also individuell die disfunktionalen Apriori anerkennen, um sie wieder ins Recht zu setzen. Wie allerdings eine derart elitäre “Gesellschaft” zu Stande kommen und stehen bleiben soll, wird unterschlagen. Das letzte Kapitel bleibt nämlich merkwürdig kurz.

(Anmerkung: Die Rezension wird in A&K 2/2008 erscheinen.)

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