Ich gestehe: Ich habe früher, in jüngeren Jahren, begeistert die Groschenromane des Geisterjägers John Sinclair gelesen und hatte auch etliche der Hörspiele, damals noch als MC – ein Format, das die Jugend heute schon nicht mehr kennt. Dabei war es immer so schön gruselig, wenn 20 Minuten nach dem Ende der zweiten Seite der Einschlafkassette der Kassettenrekorder abschaltete und einen aus dem – ohnehin alpgeplagten – Schlummer riss. Ich stand immer kurz vorm Herzinfarkt. (Ok, das war 8 Jahre vorher bei Benjamin Blümchen auch nicht anders; als Medienrezipient bin ich eben ein Weichei.) Ich habe mich dann später immer gefragt, wie man so pathetischen Unsinn verzapfen kann (und die Leser von Liebesromanen habe ich sowieso nie in meinem Leben verstanden). Heute liefert die Zeit eine humanistisch geprägte Antwort voller Sozialrealismus:
„Wenn Sie beim Schreiben merken, dass Sie ironisch werden wollen, stellen Sie sich ihre Leserin vor: 60 Jahre alt, Hartz IV, achter Stock im Plattenbau. Jede Woche kratzt sie etwas Geld zusammen, um sich Ihr Heft kaufen zu können, ein bisschen Trost und Freude. Und dann denken Sie noch einmal über Ironie nach.“
Außerdem sind die Schreiberlinge nicht ungebildet – und das Publikum angeblich auch nicht:
Wenn ihr Bildungsstand bekannt ist, werde sie wiederum gefragt, warum sie denn nichts „Vernünftiges“ schreibe. Dabei sind die Inhalte ihrer Fürstenromane nicht anspruchsloser als die einer jeden TV-Soap, mehr Fantasie als vor dem Fernseher braucht die Leserschaft sowieso.
Doch folgt man natürlich nicht nur einer moralischen Verpflichtung, wenn man der Leser Willen vollstreckt, sondern auch wirtschaftlichem Kalkül:
„Der Respekt vor der Leserschaft ist am allerwichtigsten. Wir kritisieren niemanden, wir haben sorgfältig recherchiert, das ist man den Lesern einfach schuldig. Wer vielleicht schon von seinem Leben enttäuscht ist, der will nicht auch noch von seinem Heftroman enttäuscht werden.“ Und Ellen fügt hinzu: „Von einem Hollywood-Film wünscht man sich doch auch ein Happy End. Wer diesen Wunsch nicht zugibt, ist entweder verlogen oder ein ziemlicher Miesepeter.“
Deswegen gucke ich keine Hollywoodstreifen.
Abgelegt unter : medien | Mit Tag(s) versehen: bastei, groschenroman, jerry cotton, john sinclair