Das Böse als ästhetisch-narrative Kategorie

„Es ist meist einfacher, ein Unrecht hinzunehmen als eine Welt, die gar nicht nach Maßstäben von Recht und Unrecht oder wenigstens Richtig und Falsch eingerichtet ist.“ Das Verbrechen verlangt nach einer Geschichte, manchmal kann die Suche danach ein ganzes Land verrückt machen, in Frankreich beispielsweise kommt das öfter vor. [...] Große Verbrechen fordern uns heraus: Man will sich einen Reim machen, etwas erkennen, das hilft, vorzubeugen, unsere Zeit und die Örtlichkeiten besser zu verstehen. (FAZ)

Irgendwann können wir all das Unrecht, das täglich in all den Krisen- und Kriegsgebieten oder gar vor unserer Wohlstandshaustür passiert, analysieren, kategorisieren und verstehend deuten. Wir spinnen uns eine Heilsgeschichte, in der das Böse den Übergangsstatus vom Purgatorium zum Paradiso kennzeichnet, im schlimmsten Falle eben einfach das Diesseits. Notfalls erfinden wir uns eine Kategorie, ein Etikett: das Böse. Und da mischt auch die Boulevardpresse gerne mit:

Ein Abgrund an Voyeurismus und Ferndiagnostik, der das schwer vorstellbare Martyrium der Elisabeth F. und ihrer Kinder mit Betroffenheitspoesie und Bürokratieprosa, mit Psychologenlyrik und Medizinerlatein zudeckt und zum Verschwinden bringt. Wie im Fall der Natascha Kampusch sind die Opfer auch hier (diesmal mehrheitlich) Frauen und die, die reden, einordnen, Begriffe schaffen, auch hier Männer. [...] Das und wie dies geschieht, folgt der heute auch in den Verlagen und Redaktionen längst alles dominierenden, überaus durchschaubaren und auf ihre Art immer hilflosen Logik der Medien- und PR-Berater: „Wir müssen was machen.“ Oder: „Wir müssen gezielt rausgehen“. Damit es nicht ungezielt passiert. Das ist natürlich auch eine naive Herrschaftsphantasie, der Wahn, Öffentlichkeit kontrollieren zu können, obwohl man es doch besser wissen müsste. (TP, Hervorhebungen von mir)

Die Herrschaft über das letztlich Unfassbare, genauer gesagt: das, von dem ein Fassen gar nicht gewollt sein kann. Das Böse bleibt ästhetische Kategorie, und es verliert zu viel Ästhetik durch zu umfassende Erklärung.

Das Böse also. Vor der Monstrosität mancher Verbrechen versagen, wie gesagt, alle Erklärungen. Und da kehrt das dann das Böse zurück in die Medien der modernen Gesellschaften. Das Böse ist auch hier zumindest zweierlei: ein ethisches Verhalten und ein ästhetisches Verfahren. [...] Das Böse, so scheint es jedenfalls, setzt Wissen voraus; es kennt nur, wer auch das Gute kennt – und viceversa. Das Böse als moralischer Begriff, als Gegenstück zum „Guten“ hängt also zusammen mit dem Bösen als zusammenfassende ästhetische Chiffre für diverse Phänomene des Schreckens, des Grauens, Entsetzens, Ungeheuren und Unvertrauten. (ebd.)

Wie Lovecraft schon sagte: Es gibt Dinge – und die lauern nicht selten in Kellern -, deren Existenz man besser nicht erführe; deren Gegenwart den Verstand kosten kann. Dabei ist es ein Problem der Deutungsschemata: Nur der Betrachter projiziert überhaupt eine moralische Dimension in die Handlung. Der Täter – oder auch der darstellende Künstler – muss die moralische Seite zwangsläufig ausblenden, um nicht unfähig zu werden, die Handlung durchzuführen. Moral ist für ihn keine Kategorie mehr (und Ethik schon gar nicht).

Die Moral kommt da ins Spiel, wo sie instrumentellen Charakter hat. Aber nicht nur wollen Boulevardmedie nverkauft sein, es hat die Beschäftigung mit „dem Monster von Amstetten“ auch kulturhygienischen Charakter:

Man spürt die heimlich brennende Hoffnung von interessierter Seite, manchmal auch nur der naive Glaube oder die kaum weniger naive Ideologie, nun ließe sich mit Hilfe eines menschgewordenen Teufels auch der Beelzebub der Moderne gleich mit austreiben, nun ließe sich Nietzsches Einsicht, dass es in einer pluralistischen Gesellschaft keine gemeinsamen obersten ethischen Werte mehr gibt, rückgängig machen. Wenn wir wissen, was das Böse ist, ist auch der Rest klar. (ebd.)

Soviel zum Kollektiv. Individualpsychologisch aber ist auch klar, dass das so nicht funktioniert – denn wie oben geschildert greifen bei den Tätern traditionelle Moralvorstellungen nicht:

Man sollte vielleicht einfach Hannah Arendt nachlesen, um sich zu erinnern, dass das schiere Festhalten und Beharren auf klaren und/oder traditionellen Normen keineswegs ausreicht, um dem Abdriften in Unmoral zu entgehen. Oft, schreibt Arendt, verhielten sich vielmehr jene Menschen, wenn es darauf ankäme moralischer, die „sowieso schon von der objektiven Nichtgültigkeit der Normen als solcher überzeugt gewesen waren“. (ebd)

Darum auch halten sich die populären „Bösen“ in allen Filmen eher für Prototypen eines neuen Menschen; die Nazis mordeten auf der Hatz nach ihrer Missinterpretation des Nietzsche’schen Übermenschen; Batmans „Joker“ will als Künstler anerkannt werden, etc.pp. Uns so ganz falsch ist das ja nicht, denn vieles von dem, was heute manchen als „böse“ gilt, ist schlicht eine unterdrückte oder ausgegrenzte Seite des Menschen – allgemeine oder eines speziellen Menschen. Moralkodizes haben keine allgemeine Gültigkeit mehr, auch wenn Fälle wie die des Josef F. wohl auf absehbare Zeit keinerlei Verständnis hervorrufen werden. (Und, soviel darf man hinzufügen, hoffentlich niemals.)

Das Böse ist, ob uns das gefällt oder nicht, auch eine ästhetische Kategorie. Und darin, in der Ästhetisierung, liegt die Unmoral der jetzigen Berichterstattung über Amstetten. Sie macht aus der Tat einen Roman, einen Film, überwuchert die Fakten durch Aneignung, Intimisierung und Einverleibung. Amstetten wird zur Projektionsfläche. Die Gesellschaft trägt sich in die Geschichte und in diesem Fall in das Unvorstellbare ein und nimmt sie so in Besitz. Sie wird umgeschrieben und gehört allen. Aber nicht mehr den Opfern. (ebd.)

Der TP-artikel von Rüdiger Suchsland ist ein kleines Meisterwerk der (populär)kultursoziologischen Analyse, und er schließt mit dem berechtigten Hinweis, dass wir die (religiöse) Kategorie des Bösen vielleicht gar nicht mehr brauchen – höchstens noch in der Ästhetik.

Eine Antwort

  1. [...] die Psychodynamik in der Betrachtung von “unfassbaren” Verbrechen habe ich mich kürzlich schon – in Anlehnung an einen Artikel von Rüdiger Suchsland – geäußert und klargestellt, dass [...]

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