Mediensoziologie: Urheberrecht

Ich habe nie einen Hehl darum gemacht, dass ich nicht viel vom Urheberrecht halte. Es unterstützt nur die Machtkonzentration und sorgt dafür, dass sich Künstler auf ihren Lorbeeren ausruhen (was heute aufgrund des Wandels der Sozialstruktur kein Berufsstand mehr kann). Ich will in diesem Artikel einmal versuchen, mediensoziologisch darüber zu spekulieren, warum das Urheberrecht heute keine sinnvolle Institution mehr ist und in der Zukuft gesellschaftlich sogar kontraproduktiv wirken wird. Den Aufhänger fand ich über diverse Umwege im Cicero:

Ein großes Problem, das wir in Deutschland haben, ist das Urheberrecht. Es verträgt sich nicht mit dem digitalen Zeitalter – trotzdem wird es immer noch verschärft. Bald dürfen wir wahrscheinlich noch nicht mal mehr links setzen. Meiner Meinung nach befinden wir uns in einer Remix-Kultur, und das Urheberrecht ist auf eine ganz andere Kultur abgestimmt. Man sollte es nicht abschaffen, aber es muss an die Gegebenheiten angepasst werden.

Diese Aussage von Markus Beckedahl, seines Zeichens Vorsitzender des Netzwerks Neue Medien und Betreiber von netzpolitik.org,stimmt weitgehend mit meiner medienpolitischen Position überein. Allerdings würde ich gleich noch hinzufügen, dass die Modifikation des Urheberrechts, die mir vorschwebt, in den Augen der Inhaber heutiger medialer Produktionsmittel durchaus einer Abschaffung gleichkommen dürfte.

Medialer Wandel ist in der Soziologie ja immer schon ein Thema gewesen. Das Ehepaar Jan und Aleida Assmann bspw. betrachtet ihn als die Triebkraft hinter sozialer Veränderung. Im Gegensatz dazu sieht z.B. Friedrich Tenbruck medialen Wandel als Folge des gesellschaftlichen. Daraus ergeben sich mannigfaltige unterschiedliche Ansatzpunkte, und in einer eklektischen Soziologie muss das ja auch so sein, um für jede Situation das richtige Instrumentarium an der Hand zu haben. Der Soziologe Dirk Baecker schrieb kürzlich in der Recherche 1/08 (ich berichtete) über den aktuellen medialen Wandel:

Und der Punkt beim Übergang der modernen Gesellschaft zur nächsten Gesellschaft ist, dass mit dem Auftreten des Computers und seiner Derivate [...] die Strukturen der Gesellschaft, die dabei halfen, den Schock der Einführung des Buchdrucks zu verdauen, überfordert sind und [...] durch neue Strukturen ausgetauscht werden müssen[.] (S. 5)

Das Urheberrecht zählt eindeutig zu den Strukturen, die bei der Verdauung helfen. Der heutige „Schock“ durch die Einführung neuer Medien ist – bedingt durch die Schnelllebigkeit unserer Zeit – natürlich wesentlich spürbarer als jender durch den Buchdruck. Er betrifft uns alle gleichermaßen und zur gleichen Zeit. Und er überfordert nicht nur juristische Institutionen, sondern vor allem auch die „vierte Gewalt“ als institutionalisiertes Bollwerk der Demokratie(n).

Eine ähnlich überholte (oder zu überholende) Denkkategorie wie das Urheberrecht ist die „journalistische Qualität“, die immer wieder beschrien wird.

Die „Initiative Qualität“ der deutschen Journalistenverbände fordert Gütesiegel für Webangebote und einen Online-Kodex, um die Qualität des Internet-Journalismus besser zu kontrollieren.

Da sind halt die alten Gilden am Werk, die ihre Monopolstellung bedroht sehen und die Angst vor dem neuen Medium haben und am liebsten die gute alte Zeit, in der sie noch eine herausragende gesellschaftliche Stellung hatten, zurückhaben möchten. Da ich weder dieser Berufsgruppe angehöre noch ihre Qualitätsstandards durchschaue, hoffe ich, dass die Politik nicht auf diese Forderungen eingehen wird.

Qualität ist nicht mehr an Extensivität oder Intensivität der Recherche zu messen – jedenfalls nicht in Bezug auf die neuen Medien. Die Intensivität leidet auch bei den etablierten Medien. Recherche entfällt zunehmend, man schreibt nur noch bei der dpa oder Reuters ab und fügt einen Kommentar hinzu. Qualität ist nicht mehr nur Sache des Autors (was sie eigentlich nie war; es handelt sich hierbei vor allem um eine Veränderung der Wahrnehmung) sondern zusehends auch der Leserschaft. Seit Jahrzehnten beschreit man Medienkompetenz als Schlüssel unserer Zeit (womit man recht hat), auf der anderen Seite versucht man dann aber doch in typisch traditionalistischer Manier, den Leuten zu sagen, was Qualität habe und was nicht. In Wirklichkeit sind solche Eingriffe in den Meinungsmarkt eher problematisch, weil sie sowohl die Entwicklung des Marktes wie auch seiner Konsumenten behindern. Unsere Zeit überfrachtet und überlastet uns quantitativ mit Informationen. Aufgabe sowohl der Medien wie auch deren Nutzer – zwei Gruppen, die man nicht mehr separiert denken kann – ist hier vor allem die Selektion.

Ebenfalls ein überholtes Instrument zur Regulierung neuer Medien ist die Zensur. Hier treffen wir auf die negative Seite jenes medialen Paternalismus, dessen positive (negativ und positiv sind hier natürlich nicht wertend gemeint – ich sehe beide Seiten als schlecht und unnötig an!) Seite die „Qualitätskontrolle“ und das Gütesiegel ist. Es geht hier um Kontrolle, wo diese (noch) dem Medium widerspricht. Bei de:bug lesen wir dazu:

Das Internet, wie wir es kennen und lieben gelernt haben, ist ein Auslaufmodell. Seine heute noch weitgehend offene Struktur wird in Zukunft durch Filter, Barrieren und Mautstationen eher einem Labyrinth ähneln, dessen Durchlässigkeit sich je nach Staatszugehörigkeit, Liquidität und Hartnäckigkeit des Nutzers unterscheidet. Das Szenario ist zwar noch kein ausgemachte Sache, aber es wird immer wahrscheinlicher. Denn zum einen wächst bei den entscheidenden Akteuren das Bedürfnis den anarchischen Datenfluss zu kontrollieren. Netzbetreiber, Rechteinhaber und Serviceanbieter versprechen sich davon neue Einnahmenquellen, während Staaten ihre feuchten Überwachungsträume verwirklichen wollen.

Der Artikel verortet die Ursachen des medialen und (netz)ideologischen Wandels in der Zunahme und Verbreitung von Rechenressourcen: Zensurmaßnahmen werden technisch machbar (was sie aus strukturellen Gründen in der Anfangsphase des Internet nicht waren). Gleichzeitig muss man (auf soziologischer Seite) natürlich auch sehen, dass viele Nutzer Ängste vor der Individualisierung haben, die mit neuen Medien wie Weblogs einhergehen: die Wahrheit gibt es nicht mehr, dafür hunderte Versionen derselben Geschichte, die alle irgendwie Wahrheit und Objektivität für sich reklamieren. Die Webmedien sind ausgesprochen voraussetzungsvoll – weshalb denn Blogs auch nur in kleinen Kreisen rezipiert werden (soziologisch handelt es sich wohl um eine Szene). Und nicht nur jeder Web-Anwender muss fürchten, die Hoheit über die immens wichtige Ressource Wissen zu verlieren; gerade für die Ausgeschlossenen der Web-Gemeinde hat das offene, aber eben nicht vollkommen unbedarft nutzbare public network wohl etwas Bedrohliches, alleine, weil es unkontrolliert vor sich hinwerkelt. (Denn das kennt der durchschnittliche Konsument – lies Rezipient – herkömmlicher Medien nicht: Radio und Fernsehen bekommen Lizenzen, die Presse ist eine riesige, gut geölte und mit dem Staat verzahnte Industrie.) Diese Ängste werden dann z.B. in Zensurmechanismen institutionalisiert. Dass aber Institutionen – und besonders solche, die sich allgemein und präventiv bzw. präemptiv gegen alles und jeden richten – immer rktisch beäugt werden müssen, wissen wir spätestens seit dem Dritten Reich.

Doch nicht nur Staaten und ihre Politik bedrohen die Offenheit und Freiheit der Strukturen, die sowohl Regierungen und Medien wie auch Unternehmen zu überwachen helfen (und selbst noch eine weitgehend herrschaftsfreie Institution darstellen, wenn auch mit Anforderungen an soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital). Insbesondere partikuläre wirtschaftliche Interessen kollidieren mit dem Anspruch auf ein weltweites freies Netz, das zumindest die technischen (wenn auch nicht die inhaltlichen) Ressourcen fair verteilt.

Und genau hier liegt der Hund begraben, für viele Infrastruktureigentümer verspricht eine Abschottung ihrer Netze nämlich gute Geschäfte, allerdings auf Kosten der Allgemeinheit. Und wer soll nun diesen Interessenskonflikt fair und objektiv schlichten? Natürlich die Politik, also die gleichen Regierungen, die dem offenen Internet dieser Tage mit ihren Überwachungsbegehrlichkeiten arg zusetzen.

Und abschließend noch burks zum Thema Zensur im internationalen Vergleich (und ein Seitenblick in Richtung der aktuellen Debatte um die Qualität deutscher Onlinemedien und Blogs):

Die Medien- und Diskussionskultur in Deutschland unterscheiden sich signifikant von der in in den USA, deshalb ist ein Vergleich der jeweiligen Blogszene wenig aussagekräftig. In den USA ist das zivile Engagement weit aus größer; daher auch ein kontroverser gesellschaftlicher Diskurs die Normalität, ohne paternalistische Intervention irgendeiner „öffentlich-rechtlichen Anstalt“. Die freie Rede, ausgenommen F…Worte, ist Konsens. In Deutschland wachen Moderatoren, Jugendschutzwarte und andere Quasi-Zensoren über jedes Wort, das in Foren verbreitet wird. Ein ordentlicher „flame war“, wie im Usenet üblich, zwar sinnfrei, aber mit hohem Unterhaltungswert, ist in den Online-Sektionen deutscher Medien undenkbar.

PS: Allgemein wäre ich einmal dankbar, zu erfahren, was meine Leser sich von diesem Blog erwarten. Damit meine ich vor allem, ob es mehr Interessenten für längere „Essays“ wie diesen gibt – oder ob ich mich lieber wieder mehr auf kurze Ausblicke, Linksammlungen, Kurzkommentare konzentrieren soll. (Diese werden sowieso wieder dominieren, sobald mir die Zeit für ausgiebige Recherche und Verknüpfung verschiedenster Artikel fehlt.) Außerdem wüsste ich gerne, ob jemand mehr Lokales oder Privates lesen möchte; und letztlich, ob Interesse an anderen Medienformen wie Podcasts, Karikaturen (oder Collagen), Videos besteht. Ließe sich alles einrichten, nur kann ich momentan weder den Zugriffszahlen noch den Kommentaren so wirklich entnehmen, was gut ankommt und was nicht. Ich richte mich hier vorrangig an die regelmäßigen Leser, von denen ich Feedback eher offline und verbal bekomme – postet aber vielleicht doch trotzdem das ein oder andere in den Kommentarbereich. Zur allgemeinen Information: Die täglichen Zugriffszahlen liegen momentan bei ca. 150-200. Dazu abschließend noch ein Zitat aus dem eingangs erwähnten Cicero-Artikel:

Wie viel Meinung machen die Blogs?

Es gibt eine ganze Menge Blogs, die in ihren Nischen mittlerweile die Meinungsführerschaft übernommen haben. Ein Blog ist dann erfolgreich, wenn von den 500 Menschen, die sich für sein Thema interessieren, 300 ihn lesen. Es geht also nicht um generelle Reichweite, sondern um Reichweite innerhalb einer speziellen Zielgruppe – und die ist bei vielen „Nischenblogs“ mittlerweile relativ hoch. Außerdem erfüllen Blogs generell eine Streuungsfunktion: sie tragen zur Meinungsbildung bei, indem sie zu bestimmten Themen Informationsübersichten bieten, die sich aus vielfältigen Quellen speisen. Der Effekt ist allerdings nach wie vor schwierig zu messen.

4 Antworten

  1. Hey,

    Du willst wissen, was die Leute von Dir lesen wollen. Ich kann für meinen Teil sagen: Soziologie.

    Bei spannenden Punkten bitte etwas genauer werden: Das Uhrheberrecht half/hilft, den Schock der Einführung der Buchdruckgesellschaft zu verdauen. Das interessiert mich. Also: WIE?

    Vielleicht komme ich mal wieder vorbei.

    A.

  2. Merci für den Kommentar und sorry für die späte Reaktion, ich war im Urlaub. Ich empfehle zunächst mal den WIkipedia-Artikel zum Buchdruck, insbesondere diesen Abschnitt: http://de.wikipedia.org/wiki/Buchdruck#Bedeutung_des_Buchdrucks – wo wir lesen:

    „Die Autorschaft bekam Bedeutung. Es wurde wichtig, wer etwas gesagt bzw. geschrieben hatte, was und wie jemand präzise formuliert hatte und wann dieses zu datieren war.“

    Die Oralität der alten Schriften (und ihre hautpsächlich sakrale Stellung) wurde aufgehoben – ich denke, dies dürfte einer der Aspekte des „Schocks“ sein, den Baecker anspricht, Lektüre wurde breiter verfügbar und der Autor somit wesentlich als Person haftbar (als Unruhestifter, Verbreiter falscher Tatsachen), aber auch Objekt der Bewunderung. Das Urheberrecht half, diese direkte Verbindung von Person und Werk institutionell zu schützen, dem Autor seinen Unterhalt und die ihm gebührende Anerkennung zu sichern. In den letzten Jahrhunderten ist aber die immer wieder beschworene „Vernetzung“ so weit gewachsen, dass diese Verbindung nicht mehr viel Sinn macht, weil man nicht alleine auf Schultern von Riesen steht (wie eh und je), sondern eigentlich alles, was man schafft, eine Fußnote zur eigenen Umgebung ist. Und Geld läßt sich damit eh nicht mehr verdienen, siehe hier: http://anouphagos.wordpress.com/2008/08/14/das-ende-des-urheberrechts/

    Das sind jetzt nur so meine spontanen Gedanken, aber in Kürze erscheint wieder ein Artikel zu einem verwandten Thema, und deinen EInwurf werde ich berücksichtigen.

  3. [...] Schock der Einführung des Hypertextes – ich lehne mich an diesen Artikel und die Diskussion im Kommentarbereich an – beruht u.a. auf diesen drei wesentlichen Punkten (alle aus o.g. [...]

  4. Ein weiterer Punkt, den man mit dem „Schock“ der Einführung verbinden muss, ist, dass Schrift durch den Druck demokratisiert und die alte Herrschaftsordnung natürlich aufgerieben wurde. Die Macht der Schrift war gebrochen (daher auch die Faszination von nicht elektronisch kopierbaren Schriften wie magischen Büchern u.ä.) und jeder konnte nun an dieser partizipieren – und dasselbe passiert nun mit allen anderen Inhalten. Das Urheberrecht hilft, trotzdem Macht zu bewahren.

Eine Antwort schreiben