Twitter ist die Fortführung der Atomisierung des Wissens, wie sie mit Hypertext angefangen hat und von SMS als Kommunikationsmedium fortgeführt wurde. Was bedeutet diese Atomisierung, was bedeutet die zentrale Rolle, die soziale und technische Netzwerke in den aktuell wichtigsten Medien spielen, für die Medien und für die Gesellschaften, die mit ihnen umgehen und über sie kommunizieren? Ich versuche im Folgenden Quellen zusammenzustellen und meine Denkanstöße daneben zu stellen.
Der Schock der Einführung des Hypertextes – ich lehne mich an diesen Artikel und die Diskussion im Kommentarbereich an – beruht u.a. auf diesen drei wesentlichen Punkten (alle aus o.g. Wikipedia-Artkel):
- Ein [...] Problem ist das Navigieren in Hypertexten, da häufig eine vom Autor vorgegebene Lesestruktur (z. B. Guided Tour) fehlt; als Folge eines Übermaßes an Querverweisen können ein sogenannter Information Overload, die Überflutung mit ungeordneten Informationen und eine Desorientiertheit im weit verzweigten Netz von Texten (Lost in Hyperspace) entstehen.
- Ein Problem aller Hypertexte ist das gezielte Auffinden von Informationen (Information Retrieval) in einem nichtlinearen Text. Während literate Menschen über Jahrhunderte in der Rezeption von linearen Texten geschult worden sind, beginnt man erst heute den Umgang mit komplexen Hypertexten zu erlernen.
- Die Lesegewohnheiten spielen hier jedoch eine wichtige Rolle. So haben Jüngere oft weniger Schwierigkeiten damit, das Lesen eines Textes zu unterbrechen, um einem Querverweis zu folgen.
Sicherlich ein Grund dafür, dass vor allem die heutige wissenschaftliche Elite (zumindest in Deutschland) wenig Gebrauch von diesen Medien macht: sie ist einfach zu alt und inflexibel. Außerdem hängen sie vielfach sogar innerhalb ihrer eigenen Disziplin in absoluten Nischen fest und wollen weder (fach-)öffentliche Kontrolle noch Kommunikation oder gar dauerhafte Vernetzung. Und schließlich lässt sich das Web 2.0-Wissen aufgrund seiner schieren Masse einfach nicht mehr vollständig rezipieren, katalogisieren, kategorisieren und einordnen.
Das gezielte Auffinden von Informationen ist m.E. wirklich reine Übungssache, meistens finde ich auch in unseren Institutsbibliotheken Informationen schneller im Web als über ein OPAC-System in der Bibliothek. Allerdings meist kein Wissen, das ich auch zitieren darf, weil mir da die Vorurteile gegenüber Webquellen einen Strich durch die Rechnung machen. Und sicherlich trägt zur gespannten Situation zwischen Medienhype-Glübigen und Holzmedien-Nutzern auch die gegenseitige Diskriminierung bei. Ebenfalls hier:
Wenn man versucht, den offenen Fragen mit systemtheoretisch informierten Beobachtungsroutinen nachzuspüren, wird zunächst folgendes deutlich: so wie sich das Internet gerade in der Spielart des Web 2.0 präsentiert und konstituiert, stellt es eine Provokation und gleichzeitig eine Herausforderung für das etablierte Wissenschaftssystem und seine tradierten Publikationspraxen dar.
Und wie damit umgehen?
(1) Wie ist es möglich, daß der wissenschaftliche Diskurs in einem derart eklatanten Ausmaß hinter den avancierten Kommunikations- und Darstellungsmöglichkeiten des Web 2.0 hinterherhinkt? Und wie ist die Zurückhaltung der akademisch-institutionalisierten Wissenschaften gegenüber alternativer Formen der Wissensrepräsentation und -archivierung (Wikis und Blogs) zu erklären?
(2) Welche Veränderungen sind notwendig, welche Blockaden müssen überwunden werden, um den Weg hin zu einer Wissenschaft 2.0 zu öffnen?
(3) Welche innovativen Konfigurationen wissenschaftlicher Diskurse sind auf der Basis einer Cyberinfrastructure möglich und denkbar?
Probleme, die hier weiter aufgeführt werden, bestehen vor allen Dingen darin, dass der etablierte Wahrheitsanspruch der Wissenschaft kriselt – und daher auch die Glaubwürdigkeit sowohl alter wie neuer Formen des WIssenserwerbs und seiner Speicherung und Verwaltung. Aber letztlich hat die Wissenschaft auch nicht schon immer das Ruder der Deutungshoheit über alle gesellschaftlichen Prozesse in der Hand gehabt; sie hat es einst der Religion aus den mittlerweile kalten Klauen gerissen. Und vielleicht steuern wir ja in eine Gesellschaftsform, deren Wissen von öffentlichen Medien und nicht von Akademien verwaltet wird. Automatisch ergäbe sich daraus eine “Dynamisierung des Diskurses”, wie im genannten Text erwähnt: Jedem Rezipienten fachintern und fachextern wären alle relevanten Quellen einer Diskussion zugänglich; die Argumentationsketten müsste nicht mehr erläutert sondern lediglich zitiert werden – und hier sind wir wieder bei der eingangs zitierten Atomisierung -; es fände Diskurs im Sinne von Kommunikation statt (nicht im Sinne von Zitatschlachten und Flamewars, die aneinander vorbeireden). Hier könnte wirkliche Wissensproduktion mit gesellschaftlichem Mehrwert passieren (im Sinne der Mode-2-Theorien; bezeichnend auch hier wieder, dass kaum deutschsprachige Quellen verfügbar sind). Oder, mit direktem Bezug zum Bloggen:
Die Frage, die mich an diesem Thema besonders interessiert, wäre allerdings: Entwickeln sich im neuen Netz tatsächlich neue wissenschaftliche Textgenres (also neben dem Artikel, der Monographie und der Presentation)? Gerade dem Bloggen würde ich in dieser Hinsicht ein hohes Innovationspotential zusprechen, da es sich in einem Punkt deutlich von den anderen wissenschaftlichen Textsorten unterscheidet: in der Eindringlichkeit der Kommentierungen. Seitdem es durch das exponentielle Wachstum wissenschaftlicher Veröffentlichungen einer einzigen Person nicht mehr möglich war, alle relevanten Texte auch nur im eigenen Fachgebiet vollständig zu rezipieren, konnte man Kommunikationen (Nachfragen, Kritiken, Vorschläge) ignorieren ohne damit ein großes Risiko einzugehen. Genau das ist in Weblogs nicht möglich, da die Antworten auf die eigenen Texte am selben Ort erscheinen wie die Ausgangstexte. Das Ignorieren wird damit beobachtbar und nahezu zwangsläufig zugerechnet. Oder anders ausgedrückt: das Prinzip der Anschlussfähigkeit gerät sehr viel stärker ins Blickfeld des Autors sowie anderer Beobachter. (viralmythen)
Abschließend: Dieser Text hier ist ein gutes Beispiel für “wissenschaftliche” Texte im Web und insbesondere in Blogs: Ich bin Laie bzw. erst recht kurz auf dem Weg zum Akademiker, habe also keine akademische Legitimation; ein Großteil meines Artikels erfüllt nicht das Kriterium der eigenen schöpferischen Arbeit, weil ich ausnahmslos viel zitiere; schließlich ist der Text wenig geordnet und folgt keiner klaren wissenschaftlichen Textgattung (am ehesten noch dem Essay, eher aber der journalistischen Textform des Kommentars). Trotzdem erreicht so ein großer Teil fremder und ein kleiner Teil meiner eigenen Gedanken einen neuen (großteils wiederum nicht akademischen) Leserkreis und bringt diesem die obige Diskussion nahe. Vertreter aller Disziplinen, Anwender des erworbenen und zu erwerbenden Wissens sowie Medienrezipienten können aber in den Diskurs, der damit angestoßen ist, einsteigen (was vielleicht nicht möglich wäre, schriebe man derartige Artikel auf akademisch gefordertem Niveau). Ob das Diskursangebot – das allgemeine und im Speziellen dieses – angenommen wird und ob es fruchtbar ist, wird sich zeigen. Ein spannendes Feld, das es sowohl wissenschaftlich wie auch praktisch zu beackern gilt, ist das auf jeden Fall.
Update: Der vierte Essay im Modul Wissenssoziologie widmet sich ebenfalls u.a. der Mode 2-Wissensproduktion. (Alle Essays hier.)
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