Medialer Krankheitsbegriff: Gefährlicher Reduktionismus

Zum Thema Magersucht:

Der mediale Tenor zu dieser Krankheit ist: Mädchen sehen in Zeitschriften dünne Models und hören daraufhin auf zu essen. So werden schließlich auch Amokläufe erklärt: Jemand spielt Counterstrike und richtet im Anschluss ein Massaker an. Während im letzteren Fall jedoch eine Heerschar von Bloggern dieses Argumentationsmuster zerlegt, wird dieselbe Albernheit bei der Magersucht nicht hinterfragt. Selbst mein Spreeblick-Kumpan René hat vor einiger Zeit unter der Überschrift Mädels. Esst! ein Video gepostet, in dem ein magersüchtiges Mädchen sich im Spiegel als zu dick erlebt. Ergänzt durch den ermutigenden Hinweis, den besten Sex seines Lebens habe er mit einem dicken Mädchen gehabt.

So Malte von Spreeblick ebd. Schöne, einfache Kausalstrukturen findet man eben leider nirgendwo, insbesondere nicht in der Psychiatrie (oder Psychologie). Die Sorge ums eigene Aussehen gehört zwangsläufig zur (männlichen und vor allem weiblichen) Pubertät, ob sie sich nun auf den Schmuck des eigenen Stammes, die Intimbehaarung oder das Volumen (um Gewicht geht es den Pubertierenden ja nicht eigentlich) bezieht. In dieser Phase sind Vorbilder ungemein wichtig, aber kaum so wichtig, dass sie Pathologien wie die Magersucht erklären können.

In diesen Phasen ist mediale Bestätigung sowieso weniger wichtig, die persönliche Bestätigung in unmittelbaren sozialen Beziehungen (die sich aber auch in digitalen Netzwerken [re]produzieren können) ist viel wichtiger. Und nur weil jemand in einem schlankheitsfixierten Umfeld aufwächst, wird er nicht magersüchtig. (Einmal ganz davon abgesehen, dass es die “Magersucht” als soziales und pyhsiologisches Notprogramm des Körpers schon länger als den heutigen sapiens sapiens gibt, s. bdw 5/07, S. 31.) Genausowenig, wie jemand in drogenkonsumierendem Umfeld automatisch zum Hep C- und Aidskranken Junkie wird. Das Risiko ist höchstens erhöht, und zwar wesentlich weniger stark, als dies gemeinhin angenommen wird. Aber viel wichtiger sind andere Faktoren:

Die Magersucht ist eine komplexe, nur mit größter Anstrengung zu überwindende psychische Erkrankung.
Depression, Zwangs- und Angststörung spielen eine Rolle, das Gefühl, nicht beachtet zu werden, eine Ich-Schwäche und alle möglichen individuellen Faktoren. Eine körperliche Fehlwahrnehmung kann dazu kommen, insofern ist auch das von René verlinkte Video nicht sachlich falsch, wohl aber in der Fokussetzung.
Den Zusammenhang zwischen Verstimmtheit, Angst und Appetitlosigkeit hat vermutlich jeder schon einmal erlebt. So funktioniert Magersucht zwar nicht, vielleicht eröffnet diese Betrachtung aber die Möglichkeit für Gesunde, nachvollziehen zu können, wie Psyche und Essverhalten einander beeinflussen. Magersüchtige schaffen sich über eine Kontrollstruktur ein Gefühl von Sicherheit.
Die Besessenheit vom Kalorienzählen (ich kenne eine junge Frau, die sich Gedanken darüber gemacht hat, mit wievielen Kalorien das Kauen eines zuckerfreien Kaugummis zu Buche schlägt), das ritualisierte Wiegen, das Verbergen der Symptome, das Frieren, die Antriebslosigkeit – Magersucht ist kein Nebenjob für junge Mädchen, die aussehen wollen wie Paris Hilton. Wie ein Opiumsüchtiger nicht die Pfeife raucht, sondern von der Pfeife geraucht wird, konsumiert die Krankheit das Leben der Opfer vollständig.

Guter Beitrag bei Spreeblick, das “Auskotzen” sollte man sich komplett zu Gemüte führen!

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