Zu Ernst Jüngers „Annäherungen – Drogen und Rausch“

Zu Ernst Jüngers „Annäherungen – Drogen und Rausch“

- Ein Versuch -1

 

von

 

Dennis Schmolk

 

 

Vorwort: Eine kleine Stoffkunde

 

Wir wollen die diversen zu untersuchenden und einzuschätzenden Substanzen zunächst grob einteilen in Sedativa, Stimulanzia und Psychotropika; letztere Obergruppe wiederum lässt sich gliedern in Entaktogene, Empathogene und Halluzinogene.

Reine Sedativa (lat. sedare – beruhigen) wie bspw. Benzodiazepine und Morphin (das isolierte Opiat) haben lediglich die Wirkung, den Patienten zu beruhigen. Insbesondere Morphin und das als Heroin bekannte Diacetylmorphin wurden jedoch von Anbeginn an auch als Rauschdroge eingesetzt, da diese Stoffe durch ihre Wirkung auf das körpereigene Opiatsystem zu einer großen Euphorisierung führen. Das körperliche Suchtpotenzial ist (wegen der schnellen und starken Gewöhnung der Opiatrezeptoren) sehr hoch und insbesondere der „Kick“ durch intravenösen Konsum führt oft schon nach einmaligem wirksamen Gebrauch zu einer psychischen Abhängigkeit. Die Rechtslage genannter Substanzen ist sehr unterschiedlich und wirkt teils willkürlich, Heroin ist in den meisten Staaten verboten und zählt zu den Drogen, deren bloßer Besitz meist hart geahndet wird.

Zu den Stimulanzia zählen neben den bekannten Amphetaminen und Cocain auch die gesellschaftlich akzeptierten Gebrauchsdrogen Nikotin und Coffein. Cocain und Amphetamine unterdrücken Hunger- und Müdigkeitsgefühl und regt zu Aktivität an; auf physiologischer Ebene wirken sie vor allem als Wiederaufnahmehemmer von Noradrenalin, Serotonin und Dopamin. Letzterer Stoff erklärt die – vor allem bei Cocaingebrauch – von Künstlern geschätzte inspirative Wirkung (nicht zuletzt wird Dopamin sowohl bei Suchterkrankungen wie auch bei der Entstehung der Parkinson’schen Krankheit, ebenso bei Psychosen wie der Schizophrenie eine große Rolle zugesprochen), während Serotonin zur Euphorie führt und das Noradrenalin aufputscht. Diese Stoffe haben ein weit geringeres Abhängigkeitspotenzial (insbesondere körperliche Abhängigkeit ist kaum nachzuweisen), wobei gerade bei den momentan populären Methamphetaminen2 (Crystal) diese Gefahr erhöht besteht. Sämtlich genannte Substanzen sind illegal.

Besonderes Augenmerk liegt im Folgenden auf Psychotropika (psyché – gr. Seele, tropos – gr. Richtung: ein die Seele weisendes Mittel). Entaktogene und empathogene Rauschdrogen (bspw. das populäre MDMA, der Hauptwirkstoff von Ecstasy) rufen – wie der Name schon sagt – eine innere Berührung oder das symbiotische Mit-Fühlen mit anderen Menschen hervor; sie sind daher als Partydrogen sehr beliebt, zumal eine Droge wie Ecstasy auf Amphetaminbasis zusätzlich stimuliert und somit „die Nacht zum Tag werden lässt“. Auch bei MDMA handelt es sich um einen illegalen Wirkstoff (nicht verkehrsfähig).

Die im Wesentlichen hier behandelte Stoffuntergruppe ist allerdings die der Halluzinogene, da sie in Jüngers Werk & Leben die dominante Rolle als „Schlüssel“ spielen (s.u.). Diese Drogen rufen – ebenfalls durch Serotonin- und Dopaminbeeinflussung – sogenannte (Pseudo-)Halluzinationen hervor, Sinneseindrücke werden verstärkt und verändert, die allgemeine persönliche Orientierung geht verloren: in nahezu jedem Falle jedoch nur für die Wirkdauer der Substanz, deren bekannteste wohl LSD (synthetische Lysergsäure), LSA (natürliche Lysergsäure), Meskalin (phenethylaminbasiertes Kateenalkaloid), Psilocin (Tryptamin aus bestimmten Pilzen, meist der Psilocybe-Gattung), DMT und neuerdings Salvinorin A sein dürften. Ein Abhängigkeitsrisiko besteht weder somatisch noch psychisch im eigentlichen Sinne, derartige Stoffe können allerdings zu einer Art Weltflucht genutzt werden. Das besondere Risiko ist hier einmal der Horrortrip, d.h. die Verstärkung negativer Gefühlslagen, Ängste und Probleme; zum anderen das Hängenbleiben auf derartigen Stoffen, d.h. das Auslösen einer latent vorhandenen Psychose. In beiden Fällen ist nicht klar abzugrenzen, wo eine therapeutisch-erwünschte Wirkung vorliegt und wo eine eindeutige negative. Überdosen kommen im regulären, selbst Missbrauchsfalle so gut wie nicht vor und sind in der Regel unproblematisch.3 Der rechtliche Status ist teilweise umstritten: So sind LSA-haltige Samen problemlos zu beziehen und unterliegen selbst dann (vermutlich) nicht dem BtmG, wenn sie für „Missbrauchs“zwecke4 in Besitz sind. Psilocin und sein chemischer Vorläufer Psilocybin sind seit Kurzem verboten, LSD, Meskalin und DMT ebenfalls – wobei der Besitz eines meskalinhaltigen Kaktus solange straffrei bleibt, wie er nicht zu Rauschzwecken gebraucht werden soll. Salvinorin A, ein hochpotentes Halluzinogen, dessen Gebrauch jedoch hohe Dosen inhalierten Rauches der Blätter bzw. deren lange Einwirkung auf Schleimhäute erfordert, ist erst seit Kurzem größeren Kreisen potenzieller Nutzer bekannt und daher bislang juristisch unbedeutend. Das deutsche Rechtssystem wird jedoch erfahrungsgemäß nicht allzulange brauchen, auch diese Substanz zu reglementieren.

Dieses kurze Vorwort sollte einen Überblick über (zumeist) illegale Rauschmittel geben, da deren nähere Wirkungsweise etc. dem durchschnittlichen Leser kaum bekannt sein dürften. Falls weitergehendes Interesse – theoretischer Natur – vorliegen sollte empfiehlt sich eine kurze Google-Recherche zum jeweiligen Stoff; die Quellen im Internet und der Fachliteratur sind Legion. Ich habe daher der Übersichtlichkeit wegen auch darauf verzichtet, die meisten meiner Aussagen mit Quellen zu belegen.5

 

Kaum zu befürchten ist, daß, wie man früher sagte, die „Schweine Epikurs“ in die Mohn- und Hanfgärten einbrächen. Der Epikuräer neigt nicht zur Übertreibung – sie würde den Genuß beeinträchtigen. Er genießt die Zeit und die Dinge und ist daher eher die Gegenfigur des Süchtigen, der unter der Zeit leidet. Den Typus des Kettenrauchers wird man bei ihm nicht finden – eher den des Gourmets, der ein gutes Mahl mit einer Importe beschließt. Er hat den Genuß in der Hand und weiß ihn zu zügeln – weniger aus Gründen der Disziplin als des Genusses selbst.

Es hat alte Chinesen gegeben, die sich auf ähnliche Weise hin und wieder eine Pfeife Opium gestatteten – und es gibt sie vielleicht noch. Das ist dann, als ob man nach einem Mahl von vielen Gängen nicht nur auf die Terrasse und in den Park hinausträte, sondern darüber hinaus die Gehege der Zeit und des Raumes und damit des Möglichen ein wenig erweiterte. Das gibt mehr als Essen und Trinken, mehr auch als der Wein und die gute Zigarre; es führt weiter hinaus.6

 

Jünger setzt diese Ausführung mit Verweis auf den „alte[n] Faust“ fort, der im unbekannten Terrain, im „Draußen“, sogar „baue“. Dieses Bauen zeichne einen genialen Typus wie eben den Faust aus; die Konzeption eines derartigen Baus ist nach Jünger jedem Menschen möglich. Dieses „Hinausführen“ im Rahmen des Genusses ist die erste Seite der mannigfaltigen Welt des Gebrauchs psychotroper Substanzen. Grundsatz des Genusses ist, dass – wie Jünger es ausdrückt – der Rausch hier ein „Plus“ ist – nicht etwa, wie beim Süchtigen, der Ausgleich eines Minus. Insbesondere das Suchtrisiko bildet eines der wichtigsten Argumente gegen Legalisierung einiger Drogen7 – von ihren Gefahren wird noch zu sprechen sein. Dennoch sehe ich in ihrer heutigen Bewertung – welche eigentlich nur eine Dämonisierung und Verdammung ist, abgesehen von den legalen Rauschmitteln Alkohol und Tabak, deren Gefahren noch immer unterschätzt werden – das große Problem, dass viel Potenzial brach liegt. Die seit Jahren andauernde „Legalize it“-Debatte zeigt, wieviel Lobbyismus hinter den Verboten steckt, wenngleich bei dieser Substanz die kurz- und langfristigen Risiken wesentlich geringer sind als bspw. bei Alkohol und Nikotin8: Es existiert ein wesentlich geringeres Abhängigkeitsrisiko (rein psychisch, nicht wie bei letzgenannten Drogen physisch), körperliche Schädigungen liegen nach aktuellen Erkenntnissen nicht vor, nicht einmal einen wirklichen „Kater“ am nächsten Morgen gibt es. Meine persönliche Ansicht ist, dass das Leistungs-Credo unserer modernen Gesellschaften (welches selbst für erhebliche individuelle Schäden verantwortlich ist) eine Legalisierung derartiger Substanzen entgegensteht und die konservative Lobby hier einfach zu stark ist. Dem Umgang mit „leichten“ Drogen haftet ein Geruch des zivilen Ungehorsams an: Welch eine Macht ich mit diesen Substanzen in der Schublade habe, ich kann aus dieser Welt – wenn auch kurzzeitig – entfliehen: „Das höchste Monopol ist das der Träume; das haben die Priester seit jeher gewußt“9 Genau in dieser Flucht liegen selbstredend auch die Gefahren, da letztlich ein bloßes Existieren in jener „anderen Welt“10 nicht möglich ist.11 Im Rausch genügt sich das Bewußtsein – so es nicht gleich gänzlich aufgelöst wird – selbst, „Langeweile“ muss aufgrund des veränderten Zeitverständnisses12 ein sinnloser Begriff werden: worin freilich auch die Gefahr der Gewöhnung liegt. Wer diese Erkenntnisse aus dem Rausch mitnimmt, mag eine Lebensweise überdenken, die andere vielleicht durch persönliche Einsicht längt geändert haben.

 

Jünger beginnt sein Werk mit einem fast 60 (von ca. 500) Seiten starken Kapitel über die Gefahren des Konsums, gehalten in seinem typischen symbolistisch-mystischen Stil; nicht umsonst sind die einzelnen Teilabschnitte u.a. „Schädel und Riffe“ oder „Leitbahnen – Todesbegehungen“ übertitelt und spielt der Abenteuerbegriff im Rausch eine zentrale Rolle, wir befinden uns hier also fernab vom bloßen Genuss-Rausch der eingangs zitierten Passage.

Hinsichtlich des Rausches tellt sich die Frage, ob er zur Sucht führt oder nicht. [...] Wie die innere Form die äußere bildet und ihr zeitlich vorangeht, so auch der Chrakter die Physiognomie. Ebenso geht die Neigung der Gewohnheit voran. Das heißt, dass es Typen gibt, die von Anfang an der Droge fernzuhalten sind. Die Neigung ist vorauszusehen und mit ihr die schiefe Ebene. [...] Der Trunk schädigt nicht nur chronisch; er kann auch akut fatal werden. Ein einziger Exzeß genügt oft zum Ruin. Es kann etwas freiwerden, an das der Betroffene selbst im Traum nie gedacht hätte. In jedem Amt, bei jeder Firma gibt es einen, der über Nacht verschwindet, und wenn man sich nach ihm erkundigt, heißt es: „Ach, der hat die betrunkene Sache gehabt“. Im Verkehr entfallen die Umwege; der Unfall entmythisiert.13

Dieser Absatz – im ungekürzten Original noch mit einer Seitenbemerkung über gewalttätige „Abenteurer“ versehen, die im Rausch das „erregende Stimulans“ suchen und zu brutaler Kriminalität neigen – schildert im Grunde drei Arten der Gefahr.

Die erste besteht in der Suchtbildung vieler Substanzen, so des Alkohols, des (nicht im eigentlichen Sinne berauschenden) Nikotins, des Morphiums, Heroins, Kokains. Hier ist es sicherlich tatsächlich Charaktersache, wer zugreift und wer ablehnt. Jünger beging in seinem Leben nur wenige „Reisen“ mit Halluzinogenen. Sein Bewußtsein war dieser Welt wohl zu verhaftet, und er wußte auch um das Problem, das Diesseits durch derartige „Grenzgänge“ zu entwerten. Dass dieses Konsumverhalten aber keineswegs vorausgesetzt werden darf, zeigt die große Zahl der Abhängigen (ob nun von legalen oder illegalen Substanzen). Fraglich bleibt bei dieser elitären Ansicht Jüngers, man müsse Manchen von den Drogen ganz fernhalten, wer dies auf welche Weise entscheiden soll.

Die zweite und dritte der großen Gefahren liegt eng beeinander, wenn auch himmelweit voneinander entfernt: Es ist das Risiko des „einen Mals“. Die Formulierung, es könne „etwas freiwerden, an das der Betroffene selbst im Traume nie gedacht hätte“, legt zum einen die Interpretation auf das sogenannte „Hängenbleiben“ nahe, der Auslösung einer Drogenpsychose bzw. – nach moderner Ansicht14 – dem Freiwerden einer bereits latent vorhandenen Psychose.

Das andere Risiko des einmaligen Gebrauchs psychoaktiver Mittel liegt in sozialen bzw. materiellen Schäden – dem Erwähnten, der „über Nacht verschwindet“, weil der Rausch in ihm Aggressionen, Wünsche, Triebe etc. freigesetzt haben, welche ihn zur Sachbeschädigung, zur Beleidigung oder einfach zur „offenen Aussprache trieben („der zur Lüge unfähige Betrunkene“ ragt hier hinein); oder der Unvernünftige, der den „Unfall“ hatte, weil er aktiv oder passiv am Straßenverkehr teilnahm, oder, oder, oder.

Einmal ganz davon abgesehen, dass jedenfalls die „unfreiwillige“, weil im Rausch vollzogene Aussprache ihr Gutes, Klärendes haben mag, ließen sich derartige Situationen durch korrektes „Setting“ – die richtige Trip-Umgebung – leicht umgehen: indem man nämlich jeglichen Kontakt zur Außenwelt unterbindet und körperliche Gefährdung ausschließt – wohl auch die Gefahr einer gröberen Sachbeschädigung. Dass hier wiederum große Selbstbeherrschung und Vernunft im Umgang mit Drogen vorliegen muss dürfte deutlich sein.

 

Da – wie im Folgenden zu zeigen sein wird – der „Rausch“, wie er hier behandelt wird, dem Phänomen des mystischen Erlebens strukturell sehr ähnlich ist, halte ich es zunächst für angebracht, einen Text von Helmut Walther15 in Auszügen zu zitieren, der vor einiger Zeit an dieser Stelle erschienen ist:

„Mystische Zustände sind körperliche Zustände, zu denen denn auch die Gehirnzustände zählen, aus denen sich je nach der Entwicklung der Ratio in Phylo- und Ontogenese unterschiedliche Interpretationen ergeben.“ Diese Rückführung auf körperliche Ursachen des Rausches ist gerade bei Chemikalien – egal ob natürlichen oder synthetischen Ursprungs – angebracht, da hierdurch jedwede transzendente äußere Ursache (also die Götter als inspirierende, „schenkende“ Rausch-Mittler, die besonders in den verstandesbasierten Kulten als Projektion auftreten) der Erfahrung ausgeschlossen wird – was unserem Rauschverständnis nur zu Gute kommen kann. Weiters der Hinweis, dass die Droge lediglich das Ich potenziert16, dass es also der individuelle Entwicklungsstand (der wiederum von der Ontogenese abhängt) ist, der die Basis des Rausches liefert. Innere Anspannungen, Ängste, Traumata, insbesondere latente Psychosen brechen auf manchem Trip hervor – bei den Psychosen das Phänomen des „Hängenbleibens“, die Drogenpsychose – und auch das Gute am Rausch hat sein Fundament stets in der „Ausgangsmaterie“ des Konsumenten. Letztlich die erwähnte Interpretation hängt von der Entwicklung der Vernunft ab, ob also der Konsument nach dem – sicherlich irrationalen – Rausch in der Lage ist, das Phänomen rational zu analysieren und die Ursachen im Stoffwechsel und der Elektrochemie des Organismus zu verorten, oder ob ihm dieser „Zustand [,der...] sich nur erleben, aber nicht rational erfahren“ und dessen Erlebnisintensität „sich mit nichts anderem vergleichen“17 lässt, als ein fremdes Wirken und damit eine göttliche Intervention oder Ähnliches erscheint. Der Artikel versteht – m.E. zu Recht – die „angebliche Bewußtseinserweiterung“ als einen Prozess a) der veränderten Wahrnehmung (also der Manipulation der Sinnesorgane bzw. der Reizverarbeitung im drogenbeeinflußten Hirn) und b) des „Zurückdrängen[s] rationale[r] Signalverarbeitung bis hin zur Abschaltung dieser Zentren“18. Ebenfalls zu Recht vermerkt der Autor auf der nächsten Seite: „Aber dies ist kein höherer, sondern ein niedrigerer Bewußtseinszustand“ (Hervorhebung im Original), was in dieser Form m.E. keineswegs den Wert des Rausches (oder der Mystik, dieses nur nebenbei) schmälert, sondern gerade zu einer rationaleren Sicht auf das Phänomen verhilft, die einer Aufarbeitung nur förderlich sein kann.

Nichtsdestoweniger war den Verstandeskulturen dieser niedrigere Bewußtseinszustand – gleich, wovon er hervorgerufen wurde – ein relevantes Moment jedweder Initiation, vermutlich bei den meisten antiken Mysterienkulten, in allen afrikanischen, australischen, indianischen Stammesriten. Der Rausch wurde als eine Einweihung und Einweisung ins Erwachsenwerden – insbesondere ins „Mannwerden“ betrachtet19. Die männliche, latent aggressive Rauschaffinität lässt sich teils noch heute auf ein Zitat von Samuel Johnson reduzieren: „He who makes a beast of himself gets rid of the pain of being a man.“20 Fraglich bleibt, ob derartiger ritualisierter Gebrauch nach heutigem Entwicklungsstand der Vernunft noch tatsächlichen Wert besitzt.

 

Fassen wir jedenfalls zusammen: Mystik und (halluzinogenen) Rausch eint ein fremdartiger Bewußtseinszustand, der sich im äußersten Falle zu einer vollständigen Ich-Auslöschung und -Auflösung steigert und ein Verschmelzen des Ego mit der äußeren Realität erzeugt. Dieser im Vorangegangenen als „niederer“ bezeichnete Zustand ist es, den Gottfried Benn in seinem 1949 erschienenen Aufsatz „Provoziertes Leben“ meinen könnte, auf den aber jedenfalls Hofmann abzielt, wenn er diesen Aufsatz zitiert:21 „Im Süden unseres Erdteils begann sich der Begriff der Wirklichkeit zu bilden. [...] Das Ich trat hervor, trat nieder, kämpfte, dazu brauchte es Mittel, Materie, Macht. Es stellte sich der Materie anders gegenüber, es entfernte sich von ihr sinnlich, trat ihr aber formal näher. [...]“. Hofmann hierzu:

[Es] hat ein Wirklichkeitsbewußtsein, das Ich und Welt trennt, die Entwicklungsrichtung der europäischen Geistesgeschichte entscheidend bestimmt. Das Erleben der Welt als Gegenstand, als Objekt, dem man gegenüber steht, hat zur Entwicklung der modernen Naturwissenschaft und Technik geführt.

Er führt weiter Beispiele an für den Missbrauch dieser Technologien und die gesamte Problematik einer „Entfremdung“ von der Natur als deren Ursache.

Wenn heute versucht wird, durch umweltschützerische Maßnahmen die Schäden wieder gut zu machen, so bleiben alle diese Bemühungen nur oberflächliches, hoffnungsloses Flickwerk, wenn keine Heilung von der – um mit Benn zu sprechen – „Abendländischen Schicksalsneurose [d.i. die Abspaltung des Ich von der Natur als souveräne Macht, Anm.d.A.] erfolgt. Heilung würde heißen: existenzielles Erleben einer das Ich einschließenden tieferen Wirklichkeit.22

Diese Programmatik schrieb sich in den 60er und 70er Jahren des 20. Jhds. die Hippiebewegung auf die Fahnen, für die Hofmann, der „Vater“ des LSD – zu Unrecht – als Gallionsfigur diente. Viel mehr noch spielte Timothy Leary hier eine Rolle, dessen Begegnung mit Hofmann dieser schildert. Leary sah in der Legalisierung und bewußten Verbreitung von Halluzinogenen wie LSD oder Psilocybin eine Möglichkeit zur Weltverbesserung; sein „turn on – tune in – drop out“ wurde Programm. Dass dieses an sich – wie die meisten Idealismen – hehre, gleichwohl naive politische Bild nicht aufging, ist Geschichte und bedarf kaum einer breiteren Darstellung.

Ein lierarisch (und seit der Verfilmung auch cineastisch) grandioses Beispiel der folgenden Missbrauchskultur und ihrer Ästhetik findet sich in Hunter S. Thompsons „Fear and Loathing in Las Vegas“; einen Jünger’schen Rauschbegriff – man denke an den „Epikuräer“ – sucht man hier slebstredend vergeblich. Jünger selbst hat zu derartigen Phänomenen an vielen Punkten Stellung bezogen – ihm schienen sie stets eine Folge der „Vermassung“ und folglichen Degeneration des Umgangs mit den „Schlüsseln“, den Rauschmitteln. Jüngers eigenes Konsumverhalten und seine Meinung zu fremdem war grundsätzlich davon geprägt, dass diese Substanzen einer Elite vorbehalten sein müssten, weshalb er in der „Drogenszene“ der Hippies und den von ihr beeinflußten Kreisen auch niemals eine bedeutendere Rolle spielen sollte.

Er rekurriert hier in typischem Stile stets auf den sakralen Ursprung des Drogengebrauchs; Hofmann noch mehr als Jünger sammelte viele seiner Triperfahrungen in sakralem Umfeld, so bspw. seine Begegnung mit der heute in Mode kommenden Pflanze Salvia Divinorum23, einer Salbeiart.

Einen derartigen Umgang halte auch ich für weitgehend ungefährlich – wobei stets z.B. die Gefahr des Ausbruchs einer latenten Psychose gegenwärtig ist, weshalb der Konsum niemals ohne ein letztes Risiko sein kann; Jünger würde sagen, dass eine derartige Erfahrung ohne Gefährdung nicht auskommen könne. Der Konsum selbst mag hierbei verschiedenen Motiven entspringen, dem bloßen Experiment, also als „Unterhaltungsdroge“ – dem entsprechen der Meskalin(ge-/miss-)brauch in „Fear and Loathing“ wie auch die heutigen Konsumformen von Cannabis -, der Sakraldroge in esoterisch interessierten Kreisen – welche als antiaufklärerisch wirkende Strömungen ganz andere Gefahren birgt – oder auch die „Genussdroge“, welche der Unterhaltungsdroge ähnlich ist, anders als sie aber weniger der Unterforderung und Langeweile entsprießt, sondern im Gegenteil eher einem „Zuviel“. Keine dieser Formen des Gebrauchs haben wirkliches Suchtpotential im medizinischen Sinne, da sie auf gewisse äußere Faktoren beschränkt sind und die verwendetetn Substanzen kein solches Potential entfalten. Die allgemeine Abwägung Freiheit gegen Sicherheit ist auch hier zentral. Wird der Sicherheit der Vorrang eingeräumt, wird jeder Konsum verboten; eine liberale Ansicht wird Toleranz und Legalisierung fordern.

 

Die Frage allerdings, welchen Nutzen eine „Bewußtseinserweiterung“ – oder -beschneidung, wie der Text Helmut Walthers nahe legt – ist an dieser Stelle zu klären. Auf die Aspekte der künstlerischen Inspiration, der therapeutischen Anwendung und der eventuellen gesamtgesellschaftlichen Bedeutung wird weiter unten gesondert eingegangen.

Zur Einleitung seiner Sammlung von LSD-Tripberichten schreibt Hofmann24:

Es handelt sich durchweg um Berichte von Personen, die LSD nicht einfach aus Neugier oder als ausgefallenes Gesnußmittel versucht haben, sondern die damit experimentierten, weil sie nach Möglichkeiten suchten, das Erleben der inneren und der äußeren Welt zu erweitern, mit Hilfe dieses Drogenschlüssels neue „Tore der Wahrnehmung“ (William Blake, „Doors of perception“, Hervorhebung im Original, d.A.) zu öffnen, oder, um bei dem von Gelpke gewählten Vergleich zu bleiben, um Raum und Zeit zu überwinden und dadurch zu neuen Ausblicken und Erkenntnissen im Weltraum der Seele zu gelangen.

Dieses wenig nutzenbezogene, sondern rein der Selbst-Erkenntnis gewidmete Rauschverständnis steht selobstredend in krassem Gegensatz zur heutigen ökonomischen Welt, in welcher ein Bestreben nach derartigen Zuständen stets ein „alternatives“ Gerüchlein umgibt. Nichtsdestoweniger erlaubt der Rausch teils interessante, teils schockierende Einblicke in persönliche Beziehungen und persönliche Wertvorstellungen; hier liegt der Grund für ihre häufig erwähnte Interpretation als Erleuchtung. Selbst wer Derartiges zur Charakterentwicklung nicht nötig hat: In jedem Falle ermöglicht ein psychedelischer, halluzinogener Rausch das Nachvollziehen dessen, was allgemein als „Erweckungserlebnis“ oder Erleuchtung bezeichnet wird, ohne die Arbeit jahrelanger Meditation auf sich nehmen zu müssen – freilich auch, was hier im Sinne eines kritischen Rationalismus positiv angemerkt wird, ohne diesem Erlebnis allzugroße Bedeutung schenken zu müssen. Er erlaubt – ein Stück weit – so das Nachvollziehen einer gattungsgeschichtlichen Entwicklung.

 

Diese Mächtigkeit erwähnter Substanzen wird in letzter Zeit (wieder) zu einer Fragestellung in der therapeutischen Psychiatrie und Psychologie25, behindert von diversen konservativen Lobbies. M.E. kann – gerade durch das „Herabsteigen“ aus der vernünftigen Sphäre in tieferliegende – ein Stoff wie bspw. Psilocybin oder LSA einen „Schlüssel“ darstellen, der psychische Probleme auf dem Bewußtsein verborgenen Ebenen analysieren und u.U. sogar therapieren kann. Jünger spricht in den „Annäherungen“ von Schlüsseln zu „Welträtseln“, was Sinn macht, sofern man die in Konsumentenkreisen halluzinogener Substanzen vertretene Anschauung akzeptiert, nach der die Welt im Rausch als Teil des Ego und umgekehrt verstanden wird. Die Naturvölker setzten Drogen im kultischen Gebrauch zu einer frühen Form der Psychotherapie ein; die Verstandesnähe wird hier ergänzt durch eine Nähe zum Standard-Interpretationsschema der Verstandeskultur, dem Mythus. Hofmann zitiert Tripberichte, in denen klare mythische Konstrukte erkennbar sind, so bspw. wenn eine Projektion verdrängter Traumata – man entschuldige das freudianische Vokabular – als „Seelenungeheuer“ verstanden, die befreiende Erkenntnis ähnlich dem Hieb des Perseus zum „Schwertblitz“ wird. Oft fällt der Begriff des „LSD-Dämons“.26 Der „Tripsitter“ – welcher, soviel sei hier zum „safer use“ neugieriger Leser warnend vermerkt, unbedingt anzuraten ist – übernimmt heute diese schamanenhafte Rolle des Therapeuten, sofern ein Versuch nicht unter medizinischer und therapeutischer Überwachung unternommen wird: was aufgrund der Tabuisierung der Thematik vermutlich in weiter Ferne liegt.

Wiederum sei hier – ebenfalls warnend – darauf verwiesen, dass Substanzen wie LSD (in geringerer Intensität aber auch Cannabisprodukte) stark potenzierende Wirkung in Bezug auf die eigene Seelenlage, das „Set“, haben – sich insofern auch nicht zur Betäubung und Verdrängung von Problemen eignen – und daher Depressionen verstärkt und „Horrortrips“ verursacht werden können. Die Jünger’sche Idee des „Eintretenden“ aus anderen (womöglich höheren) Sphären halte ich persönlich für metaphysischen, unbegründeten Unfug; Halluzinogene ermöglichen lediglich den intensivierten Kontakt mit Teilen der eigenen – kollektiven oder individuellen, verdrängten oder offenbaren – Psyche.

 

Eine weitere, u.U. nützliche „Anwendung“ von halluzinogenen Substanzen mag im künstlerischen Schaffen zu verorten sein:

[Es] stellt sich in unserer Zeit dem geistigen und dem musischen Menschen die Frage, was die Droge gewähren kann. Ihm kann letzthin nicht an der motorischen Steigerung der Kräfte, am Glück oder gar an Schmerzlosigkeit gelegen sein. Ihm geht es nicht einmal um Schärfung und Verfeinerung der Einsicht, sondern wie in Faustens Kabinett um „Eintretendes“.

Dieses Eintreten bedeutet nicht, daß neue Fakten bekannt werden. Nicht die Bereicherung der empirischen Welt ist gemeint. Faust strebt aus dem Studierzimmer hinaus, in dem ein Wagner zeitlebens verharren und sich glücklich fühlen wird. 27

Im folgenden Abschnitt, welcher explizit Grundgedanken der Nietzsche’scher Philosophie aufgreift, sei angemerkt, dass es sich bei ebenjenem Eintretenden um die Füllung der rezeptiven Kammer von Innen handelt. (Manche) Drogen wirken inspirativ. Sie eröfnen visuelle und gedankliche Ebenen, welchen man vorher fremd blieb, bleiben musste. Wie dies nun zu bewerten ist, ist abhängig vom Einzelfall; ein trinkender Baudelaire hat dennoch Vieles zur europäischen Geistesgeschichte beigetragen. Gleichwohl hat sich ein koksender und nikotinabhängiger Freud vielleicht zur Unzeit zu Grunde gerichtet. August Kekulé fand die „Eingebung“ zu seiner Theorie vom Benzolring in einem meditationsähnlichen Zustand.

Das kreative Schaffen im Rausch ist an sich nicht möglich, erst das Tragen der Inspiration in die „normale“ Alltagswelt bietet Raum. Dies mag die Wurzel vieler Offenbarungstexte sein – zum Teil auf Substanzen gegründet, zum Teil unabhängig von ihnen als „mystische“ Erfahrung. Genau hier aber muss die rationale Kritik ansetzen, welche ebensolche Texte nicht als Zeichen von Göttlichkeit und Transzendenz, sondern von „besonderen“ (gesonderten), nicht-alltäglichen, dennoch natürlichen Bewußtseins- und damit Körperzuständen begreift. Die Frage nach dem Nutzen derartiger Erfahrung liegt weitgehend im individuellen Ermessen.

 

Der Nietzsche-Biograph Rüdiger Safranski gab kürzlich der „Welt am Sonntag“ ein Interview28, in welchem er dessen „Zwei-Kammer“-Gedanken ausführt:

Nietzsche misst die Intensität des Lebens am Grad der Lebendigkeit. Und wie steigert man diese Lebendigkeit? Zwei sich gegenseitig ergänzende Möglichkeiten tun sich auf: Erstens durch das Aufnehmen von anderem Leben in seinem eigenen; das ist die rezeptive Seite. Und hier sah er die Gefahr, dass das Aufgenommene unverdaut und wie Gerümpel in uns herumliegt. Lebenskunst würde hier bedeuten: nur so viel und nur das aufnehmen, was man verarbeiten und sich anverwandeln kann. In rezeptiver Hinsicht benötigen wir also nicht nur körperlich, sondern auch geistig ein funktionierendes Immunsystem.

Zweitens das Abgeben von Geschaffenem; das ist die produzierende Seite. Bei diesem Konzept geht es darum, eine Fülle von Eindrücken in sich aufzunehmen, weiterzuverarbeiten und sie in veredelter Form wieder abzugeben. Sensibilität und Empfänglichkeit verbunden mit einem funktionierenden Immunsystem, man könnte das auch einfach Urteilskraft nennen, schaffen einen inneren, handhabbaren Reichtum. Sobald dann noch Gestaltungswille und schöpferisches Vermögen hinzukommen, dann ergibt das eine reichere Welt auch für uns.

Die Gedanken zur rezeptiven Kammer korrespondieren stark mit dem eben Dargestellten: Sie lässt sich im Rausche füllen, wobei die Hinweise auf ein „funktionierendes Immunsystem“ des Geistes mit dem zusammenhängen, was bisher an Warnungen meinerseits erwähnt wurde. Auch das kreative Moment, das Produzierende, Abgebende steht im Bezug zur inspirativen Seite. Es lässt sich so die allgemeine „Lebendigkeit“ steigern und bereichern durch Sphären, welche „normalen“ Erfahrungen verschlossen bleiben.

Ganz im Sinne unseres Rauschbegriffes steht eine weitere Interpretation Nietzsche’scher Vorstellungen: „Mit Illusionen und Leidenschaften muss geheizt werden, um auf die Betriebstemperatur hoher Lebendigkeit zu kommen. Gleichzeitig gilt es, mit der erkennenden, also kalten Wissenschaft den bösartigen, gefährlichen Folgen einer Überheizung vorzubeugen.“ Da der Rausch selbst sich jedweder analytischer Komponente entzieht, ist eine nachträgliche rationale Analyse als „Druckventil“ umso nötiger; gleichwohl ist der Rausch selbst als starkes „Brennmaterial“, als Hitzequelle obigen Bildes m.E. unentbehrlich. Leidenschaft und Analytik ergänzen einander und tragen zu einer Bereicherung bei, ähnlich wie für den asketischen Jünger die rauschhafte Phase eine der „Zisternen, aus denen er sein Leben lang schöpfte“ (Ernst v. Salomon) war. Der Rausch kann eine jener „Hitzequellen“ sein, die sich in unserer Zeit vermissen lässt. Zu einer idealtypischen apoliinischen Gesellschaft (die selbstredend nicht real vorliegt) wäre es eine dionysische Ergänzung.

 

Fraglich ist hier, ob die Gefahr des Rausches jemals ein Argument gegen seine lebenssteigernde Seite sein kann, ob ein solches Argument greift. Es betrifft diese Frage m.E. lediglich den juristischen Rahmen, da die individuelle Entscheidung hier niemandem abgenommen werden kann.

Der Rausch soll hier keineswegs – wie es möglicherweise Nietzsche vorschwebte – als Gesellschaftsmodell dienen. Safranski zu Nietzsches Wagner-Begeisterung:

Er träumte sein Leben lang vom Menschen, der auf seine Individualität bedacht ist, und glaubte, viele wahrhaft Einzelne könnten zusammenkommen und sich gemeinsam berauschen. Natürlich dachte er nicht an einen dumpfen Rausch, sondern an eine ekstatische Verzückung. Die großen Augenblicke des Lebens nennt er einmal „Verzückungsspitzen“. Seine ganze Wagner-Begeisterung der frühen 70er-Jahre des 19. Jahrhunderts entstammte der Sehnsucht nach einer Wiedergeburt der antiken Tragödie. Das war seine Verzückungsspitze. [...] In der Antike gab es euphorische Massenerlebnisse um die Kunst herum – zumindest behauptete und glaubte Nietzsche das. Solche Ekstasen sehnte er für Bayreuth herbei.

Im Gegenteil, es geht hier um ein individuelles Problem. Im Zweifesfalle hat der Staat bzw. die Gesellschaft eher die Aufgabe des individuellen Schutzes zu erfüllen – auch zum kollektiven Schutz im Sinne einer gewährleisteten Funktionsfähigkeit des gesamten Apparates – als der individuellen Freiheit, dem „Recht auf Rausch“, nachzugeben. Insbesondere bei Opiaten etc. ist die staatliche Schutzfunktion gerechtfertigt, wie bei allen stark suchterzeugenden Substanzen (ein bereits mehrfach erwähnter Irrationalismus ist hier immernoch der Umgang mit den legalen Suchtmitteln Nikotin und Alkohol). Zu verhindern ist in jedem Falle eine Kriminalisierung des Gebrauchs halluzinogener u.ä. Substanzen, da insbesondere die in die Illegalität verschobenen Beschaffungswege erst zu Kontakt mit Heroin oder vergleichbaren Drogen führt. Die Legalisierung – oder Duldung nach holländischem Vorbild – bspw. von Cannabis wäre ein wichtiger Schritt zur Entmachtung preistreibender Kartelle, deren Ziel stets die Suchtbildung bei den Konsumenten sein muss. In jedem Falle müssten die persönlichen Konsequenzen folgenlosen Drogenkonsums, die Strafverfolgung, reduziert werden – was selbstredend nicht bei gemeingefährlichen Straftatbeständen wie dem Führen eines Kraftfahrzeugs unter Einfluss von Drogen gelten darf.

Insgesamt ist meine Meinung, dass sich der Umgang mit Mitteln wie LSD, LSA, Psilocybin etc. nicht auf öffentlich-juristischem sondern auf privatem Wege regeln muss. Ein sinnvoller Einsatz dieser Drogen kann nützen, weshalb das Ziel staatlicher, elterlicher und individueller (Selbst-)Erziehung ein verantwortungsvoller Konsum sein sollte – wie dies im allgemeinen mit Alkohol (und in raucherfeindlichen Zeiten wie den unseren auch noch bedingt mit Nikotin) geschieht. Der Aufbau eines individuellen Schutzbereiches, welcher in den Kulturen der Sakraldrogen noch ihrer Heiligkeit geschuldet war, der Aufbau eines gewissen Respekts vor den Substanzen ist der sicherste, weil innerliche, intrinsische Schutz vor Missbrauch und Sucht. Dieser Respekt ist – je nach Veranlagung und Entwicklungsstand des Konsumenten – sowohl rational als ebensolcher Schutzmechanismus, wie auch irrational als erwähnte Heiligkeit verstehbar.

 

Um den Bogen zurück zum Namensgeber vorliegenden Artikels zu spannen, wollen wir nochmals Ernst Jünger zu Worte kommen lassen – ganz subjektiv in seiner Einstellung zum Rausch, „was er gewähren“ könne und wie er stattzufinden habe.

Jünger soll 1937 zu Ernst von Salomon vor einem Kino stehend gesagt haben „Ich habe mir einen erhöhten Standort ausgesucht, von dem ich beobachte, wie sich die Wanzen gegenseitig auffressen.“ Was kann man dem noch hinzufügen? Anmaßung und Ehrlichkeit, Jünger eben.

Die Verbreitung und Mehrung der Akzeptanz in kleinen Kreisen, nach Jünger´schem Vorbild, erschien mir immer ein wenig elitär, hat aber vielleicht ihre Richtigkeit!29

Diese Ansicht hat sicherlich etwas für sich, sie entbindet den Apologeten des Rausches von dessen Gefahren, da man bei der Klientel eine ausreichende Reife voraussetzen darf. Gleichzeitig ist weder eine juristische noch eine gesellschaftliche Umsetzung denkbar – ein respektiertes, ausschließliches Schamanentum scheint kaum zeitgemäß. Der elitäre Grundgedanke birgt seine eigene Problematik, die im gesamten Werk Jüngers mitschwingt.

Das Beste an unseren Genüssen ist nicht Entdeckung; es ist Wiederkehr. Das ist der Teil, an dem sich die Götter mitfreuen. Und selbst in der Entdeckung liegt Wiederkehr. Wir können nichts entdecken als unser Inneres. Wir können nur befahren, was unsichtbar bereits erfahren war. Wir reifen zu unseren Entdeckungen heran.

Hier nochmals in der für Jünger nicht unbedingt bezeichnenden Kürze eine Bemerkung zum delphischen gnôthi seautón, welches eben im Rausch bedeuten kann, die eigentlichen Grenzen des Selbst zu sprengen und mehr zu entdecken als das, was alltäglich als zum ich gehörig empfunden wird. Und wiederum, um das epikureische Eingangsmoment aufzugreifen, ein letztes, wohlbekanntes und ebenfalls delphisches Zitat: medèn ágan – nichts im Übermaß.

1 Diese Arbeit setzt sich zur Aufgabe, durch Anleihen – nicht nur – bei Jünger zu einer allgemeinen Bewertung von

Nutzen und Gefahren diverser Rauschdrogen zu gelangen. Keinesfalls soll der Missbrauch von Betäubungsmitteln verherrlicht werden oder die dumpfe Betäubung in der Sucht. In diesem Sinne halte ich im Übrigen die juristische Subsummierung aller „Drogen“ unter „Betäubungsmittel“ für falsch, da viele der laut BtmG „nicht verkehrsfähigen“ Stoffe das Bewußtsein zwar verändern, von einer „Betäubung“ im eigentlichen Sinne aber nicht die Rede sein kann. Darstellungsobjekt dieses Textes ist im Übrigen nicht der regelmäßige Gebrauch von „Betäubungsmitteln“ sondern deren gezielter, seltener bzw. einmaliger Einsatz als Stimulanz, Inspirativum, Heilmittel.

Keineswegs will dieser „Versuch“ für sich Vollständigkeit reklamieren – er ist im Stile eines Essays gehalten und soll nicht nur analysieren sondern auch einen Standpunkt darstellen.

Rechtshinweis: Das deutsche Betäubungsmttelgesetz sieht keinen Passus zum Konsum einzelner Substanzen vor. Daher ist der Konsum jeder Art von Substanz legal. Besitz und insbesondere Handel bzw. Besitz zu Handelszwecken ist bei vielen Stoffen strafbar. Weder zum Konsum noch zum sonstigen Umgang mit irgendwelchen genannten Stoffen wird hier aufgerufen sondern betont davon abgeraten, da selbst experimenteller Umgang zu empfindlichen Strafen und sonstigen persönlichen Risiken führen kann.

2Entwickelt ursprünglich als Aufputschmittel für die japanische Armee und später auch in der Wehrmacht eingesetzt, dann als populäres „Medikament“ in Amerika gebraucht. Für Einblicke in Konsummuster, Abhängigkeit und subkulturelle Bedeutung empfehlenswert ist der Film „The Salton Sea“ von D. J. Caruso mit Val Kilmer.

3DMT kann – da oral stets mit MAO-Inhibitoren aufgenommen – allerdings zu Problemen führen, ebenso wie verunreinigte Pilze oder gestreckte Substanzen. Ein verantwortungsvoller Umgang ist auch mit derartigen Stoffen geboten.

4Beamtendeutsch für „Rauschzwecke“.

5Obwohl ich dafür bürge, alle Informationen nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert und wiedergegeben zu haben, weise ich jede Form der Verantwortung insbesondere in juristischer und pharmakologisch-medizinischer Hinsicht von mir.

6Ernst Jünger, Annäherungen, in Bd. 11 der Gesamtausgabe bei Klett-Cotta/Stuttgart 1970, S. 12; die „Annäherungen“ werden im Folgenden zitiert als Jünger 1970

7Im Folgenden bezeichne ich aus o.g. Gründen alle Substanzen pauschal als „Droge“, auch wenn die Etymologie des Wortes an sich nur pflanzliche Substanzen meint (bspw. also LSD als synthetisches Halluzinogen außen vor bliebe).

8Vgl. hierzu auch Jüngers prophetische Anmerkungen zum Ende des „Zeitalter[s] der Raucher“, S. 190

9Jünger 1970, S. 19

10Zur Beschreibung der diesen s. u.a. Albert Hofmann, LSD – Mein Sorgenkind, Stuttgart 1979, Kapitel 8; diese Texte beziehen sich jedoch rein auf die synthetische Substanz LSD.

11Gleichwohl verlangt unsere eigene Zeit, unsere moderne Welt von uns Leistungen, die ohne stimulierende Substanzen – Kokain in der Geschäftswelt, Ephedrin, Speed, Amphetamine, die Partydroge Ecstasy oder diverse Dopingmittel im Sport – nicht zu erbringen sind; wird ein Koks- oder Dopingfall bekannt, ist die Entrüstung groß. Diese Doppelmoral sehe ich als eines der größten Probleme im heutigen Umgang mit dem Phänomen Droge.

12Vgl. hierzu u.a. Jünger 1979 S. 160f, auch 36f

13Jünger 1979, S. 136f

14Vgl. hierzu den Wikipediaartikel http://de.wikipedia.org/wiki/Drogenpsychose sowie die dort verzeichneten Quellen

15Helmut Walther, Das Geheimnis der Mystik – Ein rationaler Blick auf ein irrationales Phänomen, erschienen in Aufklärung & Kritik 1/2005, S.188-212. Der Text befasst sich vornehmlich zwar mit stoffungebundener Vernunftmystik – ähnlich wie der im nachfolgenenden Heft erschienene „Versuch“ zu Meister Eckhart – jedoch wird das Themengebiet der Verstandesmystik in seiner stofflichen Form gestreift.

16Von seiner eigenen Theorie des „Eintretenden“ als einem „Plus“, welches – von Innen oder Außen – hinzutritt im Rausch und sozusagen doch etwas Fremdes „schenkt“, weicht er mehrfach ab. Hierauf sei verwiesen, ohne die Theorie in ihrem Kern schmälern zu wollen.

17Beide Zitate im Walther-Artikel, A&K 1/05, S. 188f

18ebd.

20Vorangestellt dem unten erwähnten Buch bzw. Film „Dear and Loathing in Las Vegas“

21Gottfried Benn, „Provoziertes Leben“, erschienen in „Ausdruckswelt“, Limes/Wiesbaden, 1949; Hofmann zitiert besagte Stelle auf Seite 219 von „LSD, mein Sorgenkind“

22Hofmann 1979, S. 220f

23Hofmann 1979, Kapitel 10

24Ebd., S. 92f

26Hofmann 1979, S. 92ff

27Jünger 1979, S. 40f

28„Lebe so, dass dir jeder Augenblick wiederkehren könnte. Erst dann lebst du“, Artikel erschienen am 6. August 2006; Online unter http://www.wams.de/data/2006/08/06/987869.html

2 Antworten

  1. [...] Seite: Zu Ernst Jünger Hier gibt es nun die Arbeitsfassung meines Jünger-Artikels zu seinem Buch Annäherungen. Ich hoffe auf [...]

  2. [...] Fan der Comedy-Kombo Turbund Sturmwerk (die immer noch keine eigene Website hat) und Verehrer von Ernst Jünger – immer wieder unterhaltsam, mich mit Themen der Neuen Rechten auseinanderzusetzen, vom Kulturkampf [...]

Eine Antwort schreiben